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Report Nr. 35
9. Februar 2011

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Bewegungen online organisieren

Als die Studierenden der Universität Wien beschließen, für bessere Bildungsbedingungen in Streik zu treten, organisieren sie sich über das Internet. Die Nachricht vom besetzten Audimax verbreitet sich rasend schnell über die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter. Innerhalb weniger Tage steht die offizielle Internetseite – und mit einer Live-Übertragung wird der Streik für alle sichtbar.

Im Oktober 2009 waren die Studierenden der Universität Wien und der Akademie der bildenden Künste am Ende mit ihrer Geduld. Mit einem Demonstrationszug auf das Hauptgebäude brachten sie ihren Unmut über schlechte Studienbedingungen zum Ausdruck. Unter dem Schlachtruf “Unsere Uni!” zogen sie in das Audimax, den größten Hörsaal der Uni Wien, ein und beschlossen in einer kurzerhand organisierten Abstimmung, das Audimax zu besetzen. Die Nachricht von der Besetzung verbreitete sich über Anrufe, SMS und das Internet in Windeseile unter der gesamten Studierendenschaft.

Online organisieren

Internetseite der Studentenproteste

Internetseite der Studierendenproteste

Die Studierenden begannen, eine Infrastruktur für den Protest zu organisieren. Aus der spontanen Besetzung des Audimax wurde ein auf längere Dauer angelegter Streik. Und wo immer es Sinn macht, setzten sie dabei auf das Internet. An der Formulierung der Forderungen wurde gemeinsam in einem Wiki gearbeitet, über Twitter wurde nach fehlender Infrastruktur gesucht und über Facebook konnten die Teilnehmer einer Demonstration bekanntgeben, dass Sie dabei sein werden.

Nur wenige Tage nach der Besetzung des Audimax stand schon die offizielle Internetseite zum Protest, die sich unter unibrennt.at zur Anlaufstelle nicht nur für die Wiener Studentierenden  entwickelte. Das Portal bündelte den Unmut aller Studierenden in Österreich mit Nachrichten aus allen bestreikten Universitäten des Landes. Mit einer Live-Übertragung aus dem Wiener Audimax konnten Besucher aus dem ganzen Land und darüber hinaus direkt am Geschehen teilhaben – und über Chats und die sozialen Netzwerke ihre Solidarität bekunden.

Kostenlose Werkzeuge

Ohne auf große finanzielle Mittel zurück greifen zu können, konnten die Studierenden so in kurzer Zeit ihre Organisationsstrukturen aufbauen. Da es für fast alle Anwendungen im Internet kostenlose Werkzeuge gibt, brauchten sie nicht auf teure Eigenentwicklungen zu setzen. So stand ihnen ein großes Repertoire an Möglichkeiten sofort zur Verfügung – und ihre beschränkten Geldmittel konnten für andere Dinge verwendet werden.

Obwohl die Studentenproteste mit vergleichweise wenig medialer Aufmerksamkeit auskommen mussten, schuf sich die Bewegung ihre eigene Öffentlichkeit und knüpfte über das Internet Kontakte nicht nur innerhalb des eigenen Landes, sondern auch weit darüber hinaus. Zwei Monate nach dem Protestzug und der anschließenden Besetzung des Audimax in Wien brach auch in Deutschland der Bildungsstreik aus. Viele der deutschen Studierenden hielten Kontakt mit ihren österreichischen Kommilitonen – über das Internet.