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Report Nr. 5
2. Dezember 2009

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Bürgerbewegung organisiert Unterstützung vor Ort

Eine Bürgerbewegung in Zürich wehrt sich gegen Wohnungsabriss. Um die Bevölkerung, Medien und Politik für ihr Anliegen zu gewinnen, arbeitet sie geschickt mit den neuen Medien: Sie vermeiden, das konkrete Handeln in der »richtigen Welt« vor Ort durch zweifelhafte und weitgehend wirkungslose Online-Aktionen zu ersetzen. Stattdessen schaffen sie mit klassischer Organisationsarbeit in der Nachbarschaft eine solide Basis an Unterstützern und erweitern diese dann über deren persönliche Netzwerke im Internet. Die neuen Unterstützer mobilisiert sie konsequent für ihr Handeln vor Ort.

René Obi wohnt mit seiner Familie in der Siedlung »Escherpark« in Zürich. In der Finanzstadt Zürich sind zentrumsnahe Wohnungen Mangelware. Investoren und Vermieter richten sich zunehmend an den Topverdienern aus. Alteingesessene müssen weichen, die Zürcher Viertel, »Quartiere« genannt, entmischen sich. Auch die Besitzerin des Escherparks – ein Immobilienfonds der Großbank Crédit Suisse – beschließt, alle 75 Wohnungen abzureißen und durch Bauten mit deutlich höheren Mietpreisen zu ersetzen.

Auf traditionelle Weise die Nachbarschaft gewinnen

Obi will sich wehren und informiert sich. Bald ist klar, dass er das Vorhaben der Bank nur mit öffentlichem Druck verhindern kann. So beginnt er, seine Nachbarschaft zu organisieren. Er verschickt Briefe, sucht das persönliche Gespräch, zieht den eher bürgerlichen Quartierverein auf seine Seite und spricht Kommunalpolitiker an. Bei einem ersten Treffen beschließen 35 Anwesende, eine Petition mit zwei Forderungen zu starten. Erstens sollen alle Häuser des Escherparks stehen bleiben. Mit der zweiten Forderung will die spontane Bewegung Unterstützung jenseits der Nachbarschaft gewinnen: Parlament und Regierung Zürichs sollen sich für bezahlbaren Wohnraum in der Innenstadt stark machen.

Online weitere Unterstützung ins »Quartier« holen

Petitionsübergabe beim Sitz des Immobilienfonds

Petitionsübergabe beim Sitz des Immobilienfonds

Diese Entscheidungen erhalten alle Quartierbewohner wiederum per Brief. Zusätzlich verschicken die Aktivisten über ihre persönlichen Netzwerke E-Mails und organisieren Betroffene und Interessenten in einer Facebook-Gruppe und vernetzen sich mit Aktivisten und anderen Quartiervereinen. Fortan sammeln sie in der Nachbarschaft und online Unterschriften und organisieren regelmäßig Veranstaltungen. Dazu laden sie auch online ein und wecken so Aufmerksamkeit über die Nachbarschaft hinaus. Es erscheinen immer mehr Leute, sagen im Gespräch ihre Unterstützung zu und irgendwann besuchen auch Medienschaffende die Treffen. Der Support wächst. In kurzer Zeit sammelt die Bewegung weit über 3.500 Unterschriften. Die Medien berichten immer mehr über die Probleme in der Wohnungsbaupolitik. Bei der Übergabe der Petition an den Immobilienfonds zeigen sich dessen Vertreter erstmals gesprächsbereit. Seither suchen die Beteiligten gemeinsam nach einer möglichen Lösung, um den Wohnraum für die eingesessenen Familien zu erhalten.

Parallel starten Politiker Initiativen im städtischen Parlament. Als diese behandelt werden, mobilisieren Obi und seine Mitstreiter Zuschauer für die Parlamentsdebatten und Kundgebungen vor dem Ratsgebäude, um die Abgeordneten unter Druck zu setzen. Die öffentlichkeitswirksamen Protestformen verstärken wiederum das Interesse der Medien am Thema.