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Report Nr. 44
15. Juni 2011

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Der Facebook-Bürgermeister

Der zweitjüngste Bürgermeister der Schweiz regiert die Gemeinde Aegerten. Als 26-jähriger Student tritt Stefan Krattiger gegen einen stramm bürgerlichen Feuerwehrkommandanten und Landwirt im besten Alter an, der obendrein Sohn eines ehemaligen Bürgermeisters ist. Im ländlichen 2.000-Seelen-Dorf gilt das Unterfangen zunächst als aussichtslos. Die einzige Chance besteht darin, die Wahlbeteiligung mit Neu- und Jungwählern massiv zu erhöhen. Der Sozialdemokrat weiß sie zu nutzen.

Bereits mit 19 Jahren war Stefan Krattiger in die siebenköpfige Exekutivbehörde der Gemeinde Aegerten gewählt worden. Als 2009 der amtierende sozialdemokratische Bürgermeister ‒ in Aegerten Gemeindepräsident genannt ‒ seinen Rücktritt für das folgende Jahr ankündigte, schien die Nachfolge klar. Die Bürgerlichen, die schon lange auf diese Chance warteten, schlossen ihre Reihen hinter einem Mittfünfziger, der einen Kandidaten wie aus dem Bilderbuch abgab. Krattiger entschied sich, für seine Partei ins scheinbar aussichtslose Rennen zu gehen.

Wer würde mich wählen, geht aber nicht hin?

Stefan Krattiger mit der Aegerter Regierung vor dem Bürgermeisteramt

In kleinen Schweizer Gemeinden ist die Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen niedrig – in Aegerten liegt sie normalerweise bei rund 45 Prozent, und es sind in der Regel die Alteingesessenen und Älteren, die zur Urne gehen. Darum war klar: Krattiger konnte nur eine Mehrheit schaffen, wenn er die Stimmen derjenigen mobilisieren kann, die in der Regel nicht mitstimmen.
Die Aussicht, solche Stimmen zu gewinnen, bestand am ehesten bei den jüngeren Wählern. Hier war Krattiger aus Schulzeiten bekannt und gut vernetzt. Und er rechnete sich aus, dass er durch ein gezieltes, persönliches Ansprechen dieser Kontakte indirekt auch Stimmen aus den Familien- und Bekanntenkreisen der jungen Aegerten würde gewinnen können.

Kontakte offline aufbauen, online nutzen

Die Adressen waren im kleinen Dorf einfach auszumachen, deshalb stellte Krattinger den ersten Kontakt zu den Jungwählern mit einem Brief her. Im Gegensatz zu elektronischen Kommunikationsmitteln wirkte dieser persönlicher, verbindlicher und exklusiver. Anschließend knüpfte und pflegte er beharrlich weitere Kontakte im Dorfalltag, in Vereinen und auf Veranstaltungen und Feiern. Von jedem Kontakt sammelte er entweder eine Mailadresse oder – häufiger – machte die Person im Sozialen Netzwerk Facebook ausfindig. Fortan tauschte sich Krattiger regelmäßig auch hier mit den Leuten aus.

All diese Kontakte nutzte er in den letzten Wochen und Tagen vor der Wahl. Er forderte sie konsequent und persönlich über Facebook und E-Mail auf, schriftlich oder persönlich wählen zu gehen. Nötigenfalls erklärte er am Telefon und bei Hausbesuchen, wie die Stimmzettel auszufüllen waren, und führte Listen, wer nach eigener Aussage schon wählen war. Zudem bat Stefan Krattinger alle, die ihn wählten, auch in ihrem Umfeld einige Personen zur Teilnahme zu motivieren. Nach Urnenschließung hatten 68 Prozent der Aegerter ihre Stimme abgegeben, rund 50 Prozent mehr als üblich. Und Krattiger gewann die Wahl mit 65 Prozent der Stimmen.