Zur Kolumne
Report Nr. 43
1. Juni 2011

Download als PDF

Zum Öffnen brauchen Sie den kostenlosen Adobe Reader.

Wir schätzen Ihr Feedback und Ihre Ideen. Schreiben Sie uns.

Obst ernten mit Online-Anleitung

Die Idee kommt den Initianten beim Kanufahren in Ostdeutschland. Von alten, verwilderten Bäumen herab hängen reife Früchte ins Boot ‒ in dem die Rucksäcke liegen, die mit Supermarktobst aus Südamerika gefüllt sind. Zusammen mit vier Freunden brüten die Kanufahrer nach ihrer Rückkehr nach Berlin darüber, wie man verlassene Bäume wieder nutzen könnte. Gemeinsam schaffen sie die Plattform mundraub.org, auf der eine Google-Karte solche Bäume sichtbar macht.

Die Plattform Mundraub.org besteht im Wesentlichen aus einer Google-Karte. Wer einen Obstbaum, einen Beerenstrauch oder eine Kräuterwiese kennt oder findet, die niemand mehr bewirtschaftet oder deren Besitzer einverstanden ist, wenn andere Leute mitnehmen, trägt diese in die Karte ein. In Spitzenzeiten besuchen mehrere tausend Benutzer pro Tag die Website und finden dort mittlerweile flächendeckend über ganz Deutschland Hinweise auf aufgegebene und verwilderte Streuobstkulturen. Den drei Mundräubern Daniel, Kai und Mirco, die das Projekt bis heute vorantreiben, geht es darum, die Bedeutung von Kulturlandschaften bewusst zu machen, einen Beitrag zum Wissen um den Wert alter Obstsorten zu leisten und den Reichtum von Gemeingütern zu verdeutlichen.

Einfachheit verführt zum Nachdenken

Die bei mundraub.org eingetragenenen Obstbäume

Dass die Website dabei schlicht und schlank daherkommt, ist gewollt. Das Projekt lebt von Leuten, die mitmachen, und das soll so einfach wie möglich sein. Sie soll Bewusstsein schaffen für Kulturlandschaften, für den Wert alter Obstsorten und den Reichtum von Gemeingütern. Dieses Bewusstsein entsteht durch Handeln und Teilhabe ‒ nicht durch Fingerzeigepädagogik.

Vor dem Zugriff auf der Website bekommen aber alle Benutzer drei einfache Grundregeln zu Gesicht, zu denen sie sich zumindest per Mausklick bekennen müssen: Mundräuber gehen respektvoll mit der Natur um die Fundstellen um, sie nehmen nur Früchte, die niemand als Eigentum beansprucht und sie tragen die Idee weiter, dass der Verzehr Lebensmittel aus der Region ein nachhaltiges Engagement ist. Dadurch, so die Idee, werden die Besucher auch zu Teilhabern an der Philosophie hinter der Plattform.

Altes Delikt, neue Technik und belebte Debatte

Kritiker des Projekts fürchten vor allem, dass die Mundräuber auch auf Grundstücken ernten, die noch bewirtschaftet werden. Tatsächlich ist die Kontrolle, ob ein Baum auf privatem Grund steht, für die Initiatoren sehr aufwändig, so dass die Mundraub-Macher nicht alle Einträge selbst überprüfen können. Hin und wieder müssen sie Standorte auch nachträglich wieder löschen. Deshalb wollen sie auch beim Kontrollieren die Mundräuber-Gemeinschaft miteinbeziehen: Mehrere Nutzer sollen einen Standort bestätigen müssen, bevor er auf der Karte erscheint.

Meistenorts aber stößt das Projekt auf Begeisterung. Ende 2009 erhielt es vom deutschen Rat für Nachhaltige Entwicklung eine Auszeichnung, weil es zum Handeln und Nachdenken im Sinne der Nachhaltigkeit anrege. Gegenwärtig arbeiten Daniel, Kai und Mirco an einer neuen, noch einfacheren Website für ihr Projekt.