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Report Nr. 33
12. Januar 2011

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Showdown in der Sporthalle

Möhlin liegt in der Nordwestschweiz, in der Nähe von Basel, hat 10.000 Einwohner und erlebte auf schweizerische Art sein »Stuttgart 21«. Eine Bürgerbewegung stellte sich den hochfliegenden Plänen der Regierung, erneut Acker- in Bauland umzuwandeln, entgegen. Weil sie sich vor Ort und in den politischen Möglichkeiten auskennt, spielte sie mit einfachen Mitteln das Projekt an die Wand – ganz ohne finanzielle Mittel, sondern mit Engagement, nachbarschaftlicher Arbeit, einem E-Mail-Verteiler und einer Website.

Im vergangenen Jahr wollte die Gemeinderegierung Möhlins große Ackerflächen in Bauland umwandeln. Dies, obwohl sich die Bevölkerung bereits 2007 gegen Wachstum um jeden Preis und gegen mehr Bauland im Ort ausgesprochen hatte. Postwendend formierte sich der Widerstand der Bürger in einer Gruppe mit Namen »Zukunft Möhlin«. Die überparteiliche Bewegung setzte sich zum Ziel, das Vorhaben auf politischem Weg zu stoppen. Möhlin hat – wie viele Kommunen in der Schweiz –  anstelle eines gewählten Parlaments eine so genannte Gemeindeversammlung: Eine regelmäßig stattfindende Bürgerversammlung, an der alle anwesenden Einwohner mit Wahl- und Stimmrecht die politischen Entscheidungen fällen.

Folglich musste die Gruppe möglichst viele Gleichgesinnte für die Teilnahme an der Gemeindeversammlung gewinnen. Da es in aller Regel eine kleine Minderheit der Einwohner Möhlins ist, die mit dem Gang in die Sporthalle ihre kommunalen politischen Rechte überhaupt wahrnimmt, würde dies über den Erfolg entscheiden.

Bewegungsaufbau mit solidem Handwerk

Die Website der Initiative »Zukunft Möhlin«.

In einem ersten Schritt galt es, die Einwohner über das Vorhaben der Regierung und ihre Oppositionsmöglichkeit zu informieren. Eine mit einfachsten Mitteln erstellte Website wurde zum Informationshub. Eine Serie bearbeiteter Fotos zeigte ganz konkret auf, wie sich das Ortsbild verändern würde. Ein »Medien-Corner« sammelte die Stellungnahmen der politischen Kräfte, Leserbriefe, Zeitungs- und Radioberichte und schaffte einen Überblick über die Debatte. Ein Flyer, den Zukunft Möhlin im Dorf verteilte, verwies auf die Website.

Wer sich über das Kontaktformular auf der Website meldete oder im persönlichen Gespräch mit den Machern Interesse zeigte, wurde von Gruppe zur Mitarbeit in der Kampagne ermuntert. Durch Leserbriefe, Medienarbeit, Flyer-, Kleber- und Plakataktionen und vor allem persönliche Gespräche in der Nachbarschaft und beim Einkauf machte die Gruppe mit ihren Mitstreitern die Angelegenheit über Wochen zum Thema, das Möhlin bewegte.

Rekordzahl in der Sporthalle

Zweitens brachte »Zukunft Möhlin« danach alle ihr nahe stehenden Personen, Verbände, Organisationen und Parteien mit Anrufen und E-Mails dazu, über ihre Kontakte immer mehr Teilnehmer zu organisieren. Um insbesondere bei politisch eher Unerfahrenen und bei Zugezogenen Hemmungen abzubauen, erklärte ein Leitfaden auf der Website, wie eine Gemeindeversammlung funktioniert. Eine Woche vor der Versammlung traf man sich ein letztes Mal, klärte Fragen und beriet über die Strategie am Versammlungsabend. Eine E-Mail instruierte alle Anhänger. An der Versammlung erschienen statt der üblichen rund 300 Stimmberechtigten 1.339. Ein historischer Rekord. »Zukunft Möhlin« besiegte die Regierung mit 860 zu 323 Stimmen.